5. Workshoptag

Mittwoch, 30. September
Zwischenbilanz oder das verspätete Bergfest

Video erim-giresunlu.de | musik: ogmusik.com

10:00 Uhr Arbeitsfrühstück
Um halb 11 sind gerade einmal 7 Studentinnen und Studenten in der Halle. Es wird ein Frühstück in kleinem Rahmen. Die, die sich sonst wenig zu Wort melden, blühen in kleiner Runde aber umso mehr auf.
Gleich ein Paukenschlag zum Anfang: Andreas Fritzen empfiehlt, die Keimwand einzufrieren. Es müsse jetzt nicht mehr um das Sammeln von Ideen gehen, sondern um deren vielfältige Weiterentwicklung über Copyleft. Die Freiheit, neue Ideen zu formulieren und auf die Wand zu bringen, wollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht gänzlich nehmen lassen. Grundsätzlich besteht aber Übereinkunft darüber, die eigentliche Open Source Methodik vermehrt zu erproben.
Martin Kohler geht nochmals zu den Ursprüngen von Open Source zurück, spricht über die Motivation von Menschen, ihr Wissen allen verfügbar zu machen und verliest das mittlerweile legendäre erste Usenet-Posting von Linus Torvalds vom 25. August 1991, mit dem er sein Betriebssystem Linux ankündigt.
Conclusio des Frühstücks: Open Source heißt nicht zu warten bis Andere ihre Informationen und ihr Wissen bekanntmachen, sondern selbst zu beginnen, eigenes Wissen und eigene Informationen freizugeben.

11:00-17:00 Uhr
Der Workshop ist gut besucht am heutigen Tag. Immer wieder kommen Menschen, seien es Ehrenfelder oder plan-Interessierte, in die Halle, informieren sich, stimmen zu, kritisieren, machen mit. Jochen Scharf und Boris Sieverts, zwei der drei Rundgangleiter vom Samstag, gehören zu den Besuchern.
Ein Ort rückt ins Zentrum der Diskussion: das Haus an der Venloer Straße, Ecke Gürtel. Der Ehrenfelder Bürger, Stadtplaner und wiederholter Workshopteilnehmer Rolf Beierling-Hemonet entwirft ein repräsentatives Bezirksrathaus an dieser Stelle. Einige Studierende und Boris Sieverts stellen dem die Besonderheit und Erhaltenswürdigkeit des Ist-Zustands gegenüber. Florian Viezens (Hochschule Bochum) überspitzt das Ganze, indem er die berühmte Leuchtreklamefassade am Picadilly Circus in London auf das Eckhaus simuliert: Weltstadt Ehrenfeld. Das, was Open Source Planning sein kann, wird am Beispiel der Ecke Venloer Straße/Gürtel am deutlichsten.
Andreas Fritzen hat Studentinnen und Studenten des Masterstudiengangs Architekturentwicklung an der Hochschule Bochum eingeladen. Sie schauen sich die bisherigen Ergebnisse an, besichtigen Ehrenfeld und sind anschließend aufgefordert, ihre Spuren auf den Wänden zu hinterlassen – fast alle beziehen sich auf: das Eckhaus.

17:00 Uhr Suppenküche und Zwischenbilanz
Suppenküche heißt heute Zusammenarbeit mit den geladenen Experten. Michael Koch (HafenCity Universität Hamburg), Ulrich Königs (Bergische Universität Wuppertal) und Andreas von Wolff (Stadt Köln) sind die Hauptgäste, Ulrike Rose (Europäisches Haus der Stadtkultur), Lars-Christian Uhlig und Stephan Willinger (beide Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, BBSR) reihen sich in die Expertenriege ein. Gruppen von Studierenden schnappen sich je einen Gast und führen diesen in den Prozess ein und durch den Wald von beschriebenen und bemalten A3-Formblättern. Überall in der Halle bilden sich kleine Diskussionsrunden. Es geht quirlig und wuselig zu. Ohne ein eigens verfasstes Formblatt werden die Gäste nicht aus ihrer Gruppe entlassen.

Gegen 19:00 Uhr wird es förmlicher. Die Halle nimmt im Halbkreis um die Expertentische Platz, im Publikum gut 40 Personen, unter ihnen Kathrin Möller (GAG Immobilien AG) und Pablo Molestina (Fachhochschule Düsseldorf). Rund ein Dutzend Ehrenfelder sind da; manche sind nur wegen der Suppe gekommen, bleiben aber über deren Verzehr hinaus.
Ulrich Königs stellt gleich zum Anfang der Diskussion klar: „Bei Open Source konkurrieren nicht Ideen, sondern Lösungen miteinander.“ Und die gefüllten Wände gleichen bisher eben eher einer reinen Ideensammlung. Michael Koch fragt, wozu man Open Source überhaupt braucht. Worin steckt im Workshop das Neue, was genau ist an ihm Open Source? Laut Herrn Königs meint Open Source Planning eine Stadtentwicklung, die nicht nur von (Fach-)Leuten in „weißen Ärztekitteln“ betrieben wird. Er kratzt am Selbstverständnis der Planerzunft: „Wir sind die Patienten, nicht Ehrenfeld.“ Andreas von Wolff sieht den Planer als Nutzungsfinder oder Raumbereiter; vorstellbar, dass diese Aufgaben auch mit Open Source Methoden zu leisten sind. Stephan Willinger bringt einen wichtigen Aspekt in die Runde ein, der auch von den Bürgern geteilt wird: die Frage der Nachvollziehbarkeit. Wie kann ein Prozess offen sein, wenn er für Neuhinzukommende unverständlich und unlesbar ist?

Nun sollen endlich die Studierenden zu Wort kommen. Wie empfinden sie den Workshop, wie reagieren sie auf die geübte Kritik? Markus Hafner (Universität Wien) macht klar, dass jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ihre bzw. seine eigene Definition davon hat, was Open Source ist. In einer Woche könne man nicht Open Source Planning definieren und experimentell erproben, dazu noch Lösungen für Ehrenfeld produzieren und Verantwortung für diese übernehmen. „Ein starkes Bild am Anfang wäre hilfreicher gewesen“, pflichtet Sven Lohmeyer (HCU Hamburg) bei. Überhaupt sei der Workshop für die Studierenden eine Selbstsuche nach eigenen Antworten, meint Nathalie Liese (TU Dortmund), wie könne man dann den vermeintlichen Antwortengebern all deren Fragen beantworten. Martin Kohler erklärt, dass sehr wohl Ziele definiert worden seien. Und Open Source ist auch Pragmatismus: „Die Lösung produziert Ideen!“
Verständnis für die Schwierigkeiten der Studentinnen und Studenten allenthalben und die – zumindest für die verbleibenden Tage des Workshops wichtigste – Erkenntnis: die Transparenz der Wände verbessern als erster Schritt zu mehr Offenheit!