4. Workshoptag

Dienstag, 29. September
Hello Process!

Video erim-giresunlu.de | musik: ogmusik.com

10.00 Uhr Vortrag

Bis tief in die Nacht wurde am Clip O-Ton Ehrenfeld von Ruth Schultz und Ana Zirner geschliffen und gefeilt. Ermüdungserscheinungen lassen sich dennoch nicht ausmachen.
Mit großen Fragezeichen in den Augen und der Hoffnung, ein wenig mehr Ordnung in Begrifflichkeiten und Methoden zu bekommen, rücken die Teilnehmer um die eingetroffene Referentin zusammen.
Marloes de Valk, eine niederländische “digital artist” erscheint. Sie ist Teil des GOTO10, einem aus Künstlern und Programmierern bestehendes Kollektiv aus dem Freien Open Source Software Bereich.
Der Beamer surrt - Titel der Präsentation „Tools to fight boredom: FLOSS and GNU/Linux for artists“.
Das Video zeigt einen Nadeldrucker, der im Stakkato-Rhytmus hin und her sausend, unterbrochene Linien in Papier sticht. Für den Betrachter ergibt die entstehende Matrix zunächst keinen Sinn.

Marloes de Valk holt aus: „hello process“ ist ein Schauspiel der naiven Berechnung.
Vierzig Zeilen, vierzig Iterationen eines Prozesses. Jede gedruckte Zeile stellt eine Iteration dar. Jede Zeile besteht aus 128 Blöcken. Jeder Block kann ein kleines Programm von bis zu 1024 Bytes enthalten. Die Blöcke werden ausgeführt, einer nach dem anderen. Jedes Programm kann verschoben, kopiert oder in der Datei gelöscht werden. „hello process“ zeigt eine Maschine die das tut, was sie am besten kann, nämlich löschen, kopieren und verschieben von Daten. Die Installation besteht lediglich aus einem Computer und einen Drucker. Der Computer funktioniert, wie sonst auch, als "Black-Box Theater" von Prozessen. Die einzige Ausgabe erfolgt durch den Drucker, der uns Hinweise über die Tätigkeit gibt. Eine Datei von 128 Blöcken wird erstellt. In dieser Datei kann jeder Block mit einem kleinen Stück Code besetzt werden. Jedes Stück Code hat seine eigene Strategie. Einige versuchen, so viele Blöcke wie möglich zu erobern, andere Ziel lediglich ein konkretes Stück Code oder einen Nachbar. Wenn der Prozess in Gang gesetzt wird, werden alle Blöcke ausgeführt einer nach dem anderen. Dies führt zu einem Kampf zwischen den Bewohnern der Datei. Nach vierzig Iterationen, ist eine neue Datei, mit einer neuen Kombination von Code erstellt.
Jedes Stück Code hat eine spezielle ID. Diese ID wird jedes Mal an den Drucker gesendet, wenn der Block, in dem sich der Code befindet, geladen wird. Jede gedruckte Linie ist das Ergebnis eines Kampfes. 128 kleine grafische Darstellungen von Code werden gedruckt. Dieser Vorgang wiederholt sich 40-mal, wodurch eine Straßenkarte von abstrakten Mustern entsteht. Sie stellen die Veränderungen dar, die stattgefunden haben.
Diese Darstellung der naiven und unproduktiven Berechnung enthält einen Dualismus.
Die Prozesse können als Akteure in einem Theater begriffen werden, welche mit anthropomorphistischen Metaphern besetzt, die die Vorstellungskraft beflügeln sollen. Jedes Stück Code hat einen beschreibenden Namen wie Nachahmer, Löscher, Zerstörer oder Tauscher, welches seinem Verhalten entspricht. Gleichzeitig sind diese Programme nur geringe mechanische Vorgänge, völlig unmenschlich. Am Ende des Vorganges "rechnet" der Computers und der Drucker "druckt" und hinterlässt eine Spur dieser flüchtigen Anordnung auf Papier. Während der Code und die Prozesse wie in einer white-box ausgeführt werden, verharrt das Publikum in der Schattenseite des Wayang-Kulit Theaters.

Man wird das Gefühl nicht los, das eine Antwort zwei neue Fragen aufwirft.
"Kann Stadtplanung ohne Verantwortung auskommen?" wirft Marloes de Valk in die Runde. Erste Zweifel äußern sich. Im Gegensatz zu Computerprogrammen deren Fehlerhaftigkeit nur begrenzt Schaden verursachen kann, stellt sich in der Stadtentwicklung dieses Problem gänzlich anders dar. Weiter Begriffe fallen: Prosumer.
Coder in der Softwarewelt sind Prosumer – Produzenten und Konsumenten zugleich. Diese Analogie scheint übertragbar. Der nächste Begriff: Dezentralisierung – Software kann dezentral und ortsunabhängig geschrieben werden. Der Quellcode ist überall verfügbar und veränderbar.
Kann dieses Prinzip auf Stadtplanung übertragen werden? Fragende Blicke wandern durch den Raum. In der Open Source-Softwareentwicklung, erklärt Marloes de Valk, gebe es einen sehr hohen Grad an Strukturierung. Nur diese schaffe es Nachvollziehbarkeit, Effizienz und Offenheit zu gewährleisten. Fundamentaler Bestandteil von der Open Source-Philosophie sei das Kopieren von Daten und die Möglichkeit sie zu Verändern. Das Urheberrecht – auch Copyright genannt verbietet dies. Ein Weg ist das Copyleft. Das Copyleft, erzwingt die Freiheit von Weiterbearbeitungen und Fortentwicklungen eines freien Ur-Werkes, um dadurch dessen unfreie Vereinnahmung zu verhindern. Eine virale Lizenz - es darf nur unter der Bedingung kopiert und verändert werden, wenn die Weitergabe ebenfalls eine unbeschränkte Verbreitung zulässt. Zwischenfrage aus dem Auditorium: Brauchen Open Source-Prozesse ein klar definiertes Ziel? In der Softwareentwicklung ja. Marloes de Valk stellt das Betriebssystem puredyne vor. Neben dem Betriebssystem enthält das Softwarepaket eine Sammlung von Open Source Programmen für die Verarbeitung von Grafik-, Audio- und Videodaten. Marloes de Valk hat Teile der Software an ihre Bedürfnisse angepasst und verändert. Der Download von puredyne ist selbstredend kostenlos und die Software frei. Anreiz der Veränderung an der Software war in erster Absicht freilich der Eigennutz. Ist Opensource also doch eher von Egoismus getrieben? "Die Opensource Community verbindet eine Kultur." erklärt Marloes de Valk. Somit ist Opensource mehr als ein beliebig austauschbarer Prozess zur Erlangung des bestmöglichen Resultates. Es mag bei vielen Open Source-Aktiven die Überzeugung sein, das freigegebenes Wissen immer einen höheren Impuls setzen kann als geheimgehaltenes oder kopiergeschütztes Wissen. Aber vor allem scheinen sie die Möglichkeit der eigenständigen Veränderung von Code zu ihrem eigenen Nutzen zu schätzen.
Ein kleiner Verweis auf das Buch FLOSS+ ART an dem die Referentin mitgewirkt hatte, schließt diesen Vortrag an diesem Dienstagmorgen.

12.00 Uhr Der Ideengenerator wird angeschmissen
Mit gewaltigem Input in den Köpfen strömen die Workshopteilnehmer aus. Die Ecke Venloer Straße/Gürtel wird nochmals sondiert, in der Halle wird zu Stift und Papier gegriffen, der Paginierstempel schnellt mit einem Klack-Klick auf das nächste Blatt, ein erstes Modell aus Styroplast entsteht und gelangt an die Wand.

17.00 Uhr Suppenküche und Diskussion
Der zweite Anlauf der Suppenküche.
Besuch einer Gruppe Studenten aus den USA und Stefanie Thye (Programmkoordinatorin der Akademie für Internationale Bildung). Über die Website des Architekturfestivals Plan 09 sind die amerikanischen Studenten der Texas A&M University aus dem Fachbereich Landscape Architecture & Urban Planning auf den Workshop aufmerksam geworden. Die Studenten befassen sich derzeit im Rahmen eines Seminars thematisch mit der Nachnutzung/Umnutzung eines ehemaligen Industrieareals in einem Bonner Stadtteil. Andreas Fritzen nimmt die Studenten bei der Hand und stellt den Workshop vor. Eine Diskussionsrunde wird eröffnet.
Bestückt mit einem aus Palmenblättern gepressten Teller wird die Suppe gemeinschaftlich genossen. Einige Bürger setzen sich hinzu. Es folgt eine Retrospektive auf den morgendlichen Vortrag von Marloes de Valk. Julia Klehr (Stadt Köln) wirft die Frage nach der Verantwortung bei Open Source Prozessen auf. Besteht die zukünftige Rolle des Stadtplanungsamtes eventuell darin die technische Infrastruktur zu stellen und Open Source Prozesse zu moderieren statt planerisch einzugreifen?
Wäre die Wahl eines kleineren Ausschnittes des Gebietes einfacher für den Prozess?
War die bisherige Freiheit oder Offenheit der Prozesse nicht produktiv? Eine Debatte über die Zielvorstellung entbrennt. Ist es nötig ein Ziel zu kennen auf das man zu arbeitet? Der Begriff des Zielkorridores fällt. Ein Rahmen für Ideen oder die Grenzen für diese?
Eine weitere Idee: die Festlegung eines vorläufigen Zieles das durch rekursive Prozesse selbst weiterentwickelt werden kann. Es besteht Konsens darüber, dass Strukturen, Regeln oder eine Art von Syntax geben muss. Der Sprache wird im Prozess eine Schlüsselstellung zugesprochen. In Hinblick auf den Pool von Experten aus den verschiedenen Fachdisziplinen und deren Sprache sowie im Hinblick auf die unterschiedliche Verwendung der Sprache bei Laien und Experten findet der Gedanke einer gemeinsamen Planersprache nur bei manchen Diskutanten Zuspruch. Während der begrifflichen Gegenüberstellung der Open Source Sprache und der Sprache der Stadtplaner und Städtebauer resümiert Frauke Burgdorff, dass es in manchen Fällen schwierig ist die Analogien von Softwareentwicklung und Stadtentwicklung in Metaphern zu kleiden.
Andreas Fritzen schlägt vor, möglichst keine neuen Ideen an die Wände zu bringen sondern die vorhanden weiter zu entwickeln.
Noch gleichen die 24 Stellwände einer überdimensionalen Pinnwand. Eine Idee nach der anderen wird angeheftet. Doch einige kleine Stränge – zeitliche Abfolgen einer Grundidee - haben sich bereits gebildet.
Hello process! Wir sehen dich!